Alle Macht dem Zuschauer

F.A.Z./12.04.2007/ Kino (Feuilleton)/Seite 35

"Fassbinder: Berlin Alexanderplatz - Eine Ausstellung" in den Kunst-Werken Berlin

Gerade erst hat die Rainer Werner Fassbinder Foundation mit einer aufwendig restaurierten Fassung von "Berlin Alexanderplatz" für Furore gesorgt (F.A.Z. vom 8. Februar), da legen die Berliner Kunst-Werke noch eins drauf und zeigen eine Ausstellung zum Film. Siebenundzwanzig Jahre nach ihrer Entstehung feiert Fassbinders Verfilmung von Döblins 1929 erschienenem Roman ihr glänzendes Comeback.

Die Fernsehpremiere 1980, in vierzehn Teilen vom WDR gesendet, war kontrovers und keineswegs durchgängig glänzend. Während die Boulevard-Presse von einem Skandal wetterte und den dreizehn Millionen Mark Produktionskosten nachtrauerte, widmete der "Spiegel" dem damals fünfunddreißigjährigen Regisseur eine Titelstory, lobte seinen Erfolg beim Festival in Venedig und pries "Berlin Alexanderplatz" als verfrühtes, meisterliches Spätwerk. Die meisten der Fernsehzuschauer jedoch beeindruckten diese Lobeshymnen nicht mehr; sie hatten schon nach den ersten Folgen das Handtuch geworfen und missmutig das Programm gewechselt.

Der Grund ihrer Verstimmung waren nicht die ermüdenden Längen des Films, nicht die bisweilen hölzern wirkende Darstellung der Schauspieler. Die Zuschauer ärgerten sich, weil die im Dunkeln gedrehten Szenen nur schwarze Spiegelflächen auf ihren Bildschirmen hinterließen. Fassbinders Entscheidung, den Film auf herkömmlichem 16-Millimeter-Material zu drehen, erwies sich als fataler Fehler, und die damalige Übertragungstechnik des Fernsehens blieb unzureichend. Die Serie entwickelte sich zum Flop. Diejenigen jedoch, die beharrlich bis zum Epilog vorgedrungen waren, sprachen von Kult und schürten die Mythenbildung vom Meisterwerk.
Die restaurierte und digitalisierte Fassung, die zur Berlinale vorgestellt wurde, schaffte Versöhnung; denn das 16-Millimeter-Material wurde auf 35 Millimeter aufgeblasen, die schummerigen Nachtszenen aufgehellt und bislang nur schemenhaft Erahntes zutage gefördert. Die Vorführung der neuen Kopie in der Berliner Volksbühne war ein Spektakel. Doch fünfzehneinhalb Stunden Fassbinder sind keine leichte Übung. Selbst eingefleischte Cineasten mit einem Faible für Extremsituationen verlängerten ihre Kaffeepausen und debattierten über Durchhaltestrategien.

Doch Serie oder Marathon sind nicht die einzigen Möglichkeiten, "Berlin Alexanderplatz" unter die Leute zu bringen. Schon 1983 hatte Vincent Canby in der "New York Times" für eine adäquate, unkonventionelle Aufführungspraxis plädiert, die dem Zuschauer die Gelegenheit geben sollte, das monumentale Werk im eigenen Tempo zu verarbeiten. Jetzt sind die Berliner Kunst-Werke mit ihrem Kurator Klaus Biesenbach Canbys Überlegungen nachgegangen und antworten mit einer Simultanschau. Sie zeigen den Film in vierzehn separaten Kabinen, in denen die einzelnen Folgen kontinuierlich und gleichzeitig zu sehen sind. Biesenbach will die Annäherung an Fassbinders Film und eine angemessene Präsentationsform für "Berlin Alexanderplatz" finden. Er verzichtet weitgehend auf authentisches Kolorit wie Kostüm- und Requisitenschau und gewährt nur einen kurzen Blick hinter die Kulissen.
Zehn Monitore zeigen kurze, als Loop gespeicherte, exzellent ausgewählte Filmausschnitte, die in Fassbinders vielschichtige Bildsprache einführen und neugierig auf den gesamten Film machen. Der Clou aber sind die Hörproben aus 54 Tonkassetten, auf die Fassbinder das komplette Drehbuch diktierte, sowie die Kopien der Skizzen für das Storyboard. Die Strichfassung von Döblins Romanausgabe zeigt seine Arbeitsweise und kreative Besessenheit am deutlichsten. Fassbinder streicht, kritzelt, ergänzt, überschreibt ganze Textpassagen diagonal, lässt kein Wort des Buches unkommentiert und hinterlässt Brandflecken seiner Zigarettenasche auf dem Papier.

Döblin schrieb seinen Großstadtroman mit einer expressionistischen Montagetechnik zum Welterfolg. Fassbinder reagiert mit Bild -und Toncollagen, kaschiert Dialoge mit Sportreportagen, Politikerreden und Schlager, mischt, verschiebt und überlagert verschiedene Zeitebenen und driftet schließlich im Epilog grandios ins opernhafte Klischee. Die Ausstattung von Helmut Gassner und Werner Achmann wirkt dagegen eher bieder und kommt mit der Experimentierlust des Regisseurs nicht mit. Erst die Kamera von Xaver Schwarzenberger schafft Spannungsräume. Schwarzenberger filmt durch Fensterkreuze und künstlichen Nebel, wirft Goldstaub ins Gegenlicht, fängt die Reflektionen von Schweißperlen ein und kann selbst dem in den siebziger Jahren so beliebten David-Hamilton- Effekt nicht widerstehen.

Zentraler Ort der Ausstellung ist eine Installation mit vierzehn Filmkabinen, in denen die einzelnen Episoden des Films kontinuierlich und parallel gezeigt werden. Die Kabinen sind hufeisenförmig aufgestellt, so dass die Rückseiten mit ihren lichtdurchlässigen Projektionsflächen einen Hof bilden. Von hier aus ergibt sich ein beeindruckender Simultaneffekt - als befände man sich in einem überdimensionierten Kaleidoskop. Geräusche der einzelnen Tonspuren vermischen sich, man wird an überfüllte Mietskasernen erinnert, an schäbige Motels oder, schließt man die Augen, an eine Komposition von John Cage. Die Installation entfaltet ihre ganz eigene Dynamik und verführt tatsächlich dazu, Fassbinders Werk noch einmal neu zu entdecken. Von Folge zu Folge schlendernd, landet man immer irgendwo mittendrin, verliert sich, geht wieder zurück, überspringt Episoden, schaut nur mal flüchtig in eine Kabine rein, wird in einer anderen sesshaft oder betreibt "Kabinen-Hopping" und bleibt doch immer im gleichen Film. Längst ist man selbst zum Mitspieler geworden.
Vincent Canby hatte recht vor vierundzwanzig Jahren. Der Vielfältigkeit des Films ist mit herkömmlichen Sehweisen kaum beizukommen. Der Kinosessel scheint der falsche Ort für den Zuschauer zu sein, um ihn zu fassen zu kriegen, und die Fernsehcouch erst recht. Flanierend, auswählend, auf jeden Fall aktiv: Der Zuschauer in der Simultanschau der KunstWerke gewinnt einen ganz neuen Blick auf "Berlin Alexanderplatz".

Ric Schachtebeck