Was die Berliner anziehen, wenn es heißt: Kommt schick!

F.A.Z./08.02.2006/Berlinale 2006 (Redaktionsbeilage)/Seite B4

Elegante Dresscodes, bei Filmfestivals sonst selbstverständlich gepflegt, setzen sich bei der Berlinale kaum durch. Darin liegen Schwäche und Größe.

Als ein Freund neulich seinen vierzigsten Geburtstag mit einer Einladungskarte ankündigte, auf der ein unübersehbares "Kommt schick!" gedruckt war, hatten die meisten der zahlreichen Gäste das eher als Witz verstanden, dessen Pointe man einfach überging. Denn jeder wußte, daß die Dinnerparty, die in der Werkhalle einer
stillgelegten Brauerei stattfand und spektakulär inszeniert war, nicht die letzte Station des Abends sein würde, sondern daß man nach dem Essen in diversen Clubs und schließlich noch zur nächsten Party im "Sage" landen würde. Wer sich dennoch an die Anweisung des Gastgebers gehalten hatte, saß in der Klemme; denn wohin konnte er in Berlin in der feinen Aufmachung noch gehen, ohne gnadenlos aus dem Rahmen zu fallen?

Obwohl mittlerweile mehr hochwertige Mode in den Schaufenstern der Stadt liegt als noch vor fünfzehn Jahren, fehlen doch Räume und Gelegenheiten, die den lockeren Umgang mit ihr ermöglichen. Deshalb fiebern nicht nur Cinéasten, sondern auch modebewusste Hauptstädter den Filmfestspielen entgegen. Hier, im internationalen Flair der Empfänge und Filmpartys, läßt sich Eleganz und Labelsicherheit demonstrieren wie sonst nur beim Einkauf in Mailand und Paris. Doch Vorsicht vor allzu hohen Erwartungen - die Berliner stehen den Festival-Dresscodes zuweilen mit irritierender Nonchalance gegenüber. Auf einer ausdrücklich als "Black-Tie-Event" angekündigten Party, wie etwa zur Verleihung des Europäischen Filmpreises 2005 in der "Arena", sah man kaum Männer im Smoking, statt dessen sanfte Rebellen in Anzugvariationen mit offen getragenem Hemd. Sogar Pullover waren zu sehen, einige. Frauen hatten sich unübersehbar für die zweite Wahl entschieden, die Haare waren eher gekämmt als frisiert, und Schuhe dienten nur zum Wärmen der Füße. Die Schallgrenze zum overdressed ist in Berlin schnell erreicht. Und Aline Bonetto, prämiert für bestes Production Design, die in einer, man muß es einmal aussprechen, atemberaubenden schwarzweißen Robe wie eine schnell skizzierte Figurine von René Gruau aussah, erntete nur distanzierte Bewunderung und ihr Kleid eher Unbehagen.

Was ist nur los mit den Einwohnern der Hauptstadt, warum dieses standhafte Verweigern von modischer Eleganz und Spaß am Stil? Großstädtische Attitüde, preußische Zurückhaltung oder doch nur hilfloses Kaschieren von Unzulänglichkeiten? In der Tat, der Berliner steht dem Thema Mode eher ablehnend, aber auch orientierungslos gegenüber. Schwärmerisches label dropping gilt als Fauxpas, und allenfalls Namen wie Boss oder Escada wird der Hauptstädter wiedererkennen. Man fragt sich, ob er noch einmal auftauchen wird, der sogenannte "Berliner Chic", der in den zwanziger Jahren als Modestil die Welt beeindruckte, von den Nationalsozialisten systematisch zerstört und in den Fünfzigern von Couturiers wie Heinz Oestergaard und Uli Richter wieder zum Leben erweckt wurde, um dann doch in Vergessenheit zu geraten.

Hat der Umzug der Regierung nach Berlin letztlich nur konventionelle Stangenware in die Hauptstadt gebracht, und sind die zugezogenen Kreativen, die der Stadt ein neues Gesicht verpassen wollen, nur Mainstream-Schickimicki? Und ist das Eigenständige, Unangepasste, das die Stadtprägte, auf der Strecke geblieben?

Die Verlegung des legendären "Dschungels" 1978 vom Winterfeldtplatz in die Nürnberger Straße war ein entscheidender Schritt, ein Wendepunkt für das Mode-Image Berlins. Der Umzug beendete schlagartig die nostalgische Sehnsucht der siebziger Jahre nach Biedermeier und Plüsch, nach Federboas und Bauhaus. Der neue Ort, ein in den fünfziger Jahren ausgestattetes und im Originalzustand noch erhaltenes chinesisches Restaurant, verwandelte die ehemalige Schöneberger Eckkneipe in einen eleganten Club. Und das Interieur, wie der mit Solnhofer Bruch gekachelte Fußboden, der indirekt beleuchtete Springbrunnen, das in die Wand eingelassene Aquarium, die geschwungene Freitreppe mit Empore und Bertoia-Bestuhlung, avancierte zur filmreifen Kulisse.

Der "Dschungel" wurde zum Laufsteg des New Wave, und Tabea Blumenschein, ein (ungeschminkt) unscheinbares Mädchen mit blassem Teint und konturenlosem Gesicht und verstörend ordinären Sprüchen, wurde zur Königin des stilvollen Camp, zum Star jener Zeit, die dem "Berliner Chic" eine dem Zeitgeist entsprechende Interpretation verpaßte und die Stadt zur Vorreiterin eines neuen Modestils machen sollte. Eines Stils, der noch heute als wiedergängerisches Retro in den Szeneläden der Kastanienallee als cool und geil gilt, vor allem als unwiderruflich angesagt. Tabea Blumenschein überzeugte damals als begnadete Stylistin und hatte sich durch ihre unverschämt amateurhaften, glamourösen Darbietungen in den Filmen von Ulrike Ottinger zur Ikone des Berliner Nachtlebens hochstilisiert. Zu gebleichten, wild toupierten Haaren und kräftigem Augen-Make-up kombinierte sie Punk mit Haute Couture, Fetisch mit New Romantics, mischte Getrödeltes mit Neuem, vernietete, verklebte, verknotete oder hielt einfach alles nur mit großen Mengen von Sicherheitsnadeln zusammen. Jeden Abend erfand sie sich neu, lange bevor Madonna ihre erste Single herausgebracht hatte.

Deutsche Musiktexte, wie die von der Berliner Gruppe Ideal, wurden clubtauglich, und DDR-Schlager erreichten Kultstatus. Kneipen wie Mitropa und Intershop waren der Renner. In der Galerie Extra von Hans-Peter Jochum riskierte man schon mal einen zweiten Blick auf Designer-Möbel der fünfziger Jahre, und Claudia Skoda, bis heute Berliner Modepionierin, verblüffte 1988 mit einer multimedialen Modenschau auf einem Laufsteg, den Hans Kollhoff als Hängebrücke über die Köpfe des Publikums hinweg in die noch unrestaurierte Halle des Hamburger Bahnhofs montiert hatte.

Es war das trotzig Müllige, das improvisiert Überzeichnete, das nachlässig Halbfertige, die schrille selbstbewußte Travestie, was den Modestil der achtziger Jahre ausmachte und Berlin mit London und New York auf eine Stufe stellte. Ja, man muß es fairerweise sagen, Berlin war im Städtevergleich sogar unvoreingenommener, lässiger, sexuell entspannter, großstädtisch eben. Designer, wie Jean Paul Gautier und Vivienne Westwood, kamen in die Stadt und ließen sich von dem inspirieren, was 1994 schließlich mit einer umfassenden Ausstellung des Victoria and Albert Museum in London als Streetstyle seine enzyklopädietaugliche Definition fand.

Der exklusive Status des Unkonventionellen, Unfertigen, Einzigartigen war es, der das West-Berliner Lebensgefühl bestimmte und heute noch manchmal in sentimentalen Stunden wehleidig besungen wird. Individualität war der Dresscode, modische Eleganz aber galt als konservativ und verwerflich. Was internationale Modefirmen vorgaben, benutzte man allenfalls zur flüchtigen Recherche. Wenn bei offiziellen Empfängen und Abendgesellschaften jedoch angemessene Garderobe erwartet wurde und sie sich wirklich nicht umgehen ließ, zeigte sich das Defizit der vermeintlich großstädtischen Arroganz. Berliner wirkten erschreckend bieder und hilflos, unerfahren, ungeübt oder pubertär ignorant. Derartige Veranstaltungen gerieten zu modischen Desastern und das Premierenpublikum in der Oper zur provinziellen Lachnummer. Das sollte sich erst 1997 ändern, genauer genommen am 19. April 1997 und nur für eine kurze Zeit, aber vorher fiel noch die Mauer.

Die Wiedervereinigung wurde zum Mode-Schock. Denn kaum war das euphorische Gehupe der Trabanten auf dem Kurfürstendamm verhallt, entwickelte sich die subventionierte Luxusmeile zu Schnäppchen-Paradies und Reste-Rampe. Von der schützenden Abgrenzung der Mauer entblößt, lag West-Berlin plötzlich im Osten, und die Transitstrecke, die man bisher nur als nervtötendes Vakuum akzeptiert hatte, entpuppte sich als Teil einer von Menschen bewohnten Provinz. Und die Menschen, die jetzt das Zentrum der Stadt besetzten, mit stonewashed jeanswear am Körper, hatten einen enormen Nachholbedarf an vielem, auch an Mode. Doch billig sollte das sein, was der Kapitalismus am Kleiderständer feilbot. Die Idee, das vereinigte Berlin zur Weltstadt zu befördern, wurde zu den Akten gelegt. Der Ostteil der Stadt entpuppte sich als anarchistischer Freiraum, als unkontrollierbares Niemandsland, als illegale Nische und schließlich als technozides Delirium und investive Immobilie. Das schamlos Prollige, das auch heute in beiden Teilen Berlins das Straßenbild bestimmt, wurde zum wiedervereinigten Style und die Hauptstadt zum bevorzugten Hintergrund der Werbefotografen.

Die Wende kam 1997, und sie kam in Schwarz, mit der Eröffnung der Donna Karan Dependance im Quartier 206. Niemals zuvor hatte man in Berlin so viele gut frisierte, elegant gekleidete Menschen gesehen, das kannte man eher von Frankfurt am Main bei Premieren von William Forsythe oder aus dem Foyer der Pariser Opéra de la Bastille, wenn Robert Wilson inszenierte. Für die Hauptstadt jedoch war es ein ungewohntes Bild und ein überzeugender Testlauf für Metropolenträume.

Berlin hat seit diesem Abend enorme Veränderungen durchgemacht, andere als erwartet. Visionen sind verworfen worden, Ernüchterung ist eingetreten. Die in Aussicht gestellte Metropole, sie braucht ihre Zeit, eine längere als vorausgesagt. Der kleine Zeitungsladen an der Ecke, bisher nur für die lokale Presse zuständig, verkauft jetzt zwar auch "L'Uomo Vogue" und "Collezioni", doch dem Berliner ist der Spaß an der Mode, zumal wenn er teuer ist, nicht so einfach beizubringen. Wozu auch? Dem Diktat des Glamours als Lebensmodell will er sich nicht unterwerfen, das verbieten ihm seine proletarischen Gene. Berlin, davon ist er als Großstädter überzeugt, war, ist und bleibt ein Dorf, und stilvoller Perfektionismus ist nicht sein Ding. Elegante Vorzeigeläden von Prada und Versace haben die Aufbrucheuphorie nicht überlebt. Auch die Dependance von Donna Karan ist verschwunden. Dafür gibt es Adidas und Niketown und coffee to go. Die übriggebliebenen Luxusmarken sind auf Teilstrecken des Kurfürstendamms und einen kurzen Abschnitt der Friedrichstraße verteilt, zusammen mit auffallend vielen Filialen von H&M. Man hat sich arrangiert, mit Abstrichen. Und im Quartier 206, wo die Amj Holding mit engagiert pädagogischem Eifer den Berlinern immer noch den entspannten Umgang mit Luxus schmackhaft machen will, hat sich unter die Auslagen das Vulgäre gemischt, und grell geschminkten Kundinnen in Pelzmänteln antworten die Angestellten in akzentfreiem Russisch.

Mit der "kritischen Rekonstruktion" des Vergangenen, die seit der Wiedervereinigung betrieben wird, hat die Stadt Identitätsverluste hinnehmen müssen. Verwechslungen finden statt, Gleichmacherei und Täuschung. Der Mythos der goldenen zwanziger Jahre, von dem Berlin eine Weile noch zehrte, ist endgültig erloschen, jetzt suchen die Touristen nach den verbliebenen Spuren der Mauer. Der wieder hochgekramte Look der westlichen achtziger Jahre, vereint mit dem exotisch miefigen DDR-Müll der Siebziger und Beigaben von sportswear, geben den Ton an. Und der hält sich hartnäckig als letzter Schrei. In der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz wird dieser Stil im Ambiente aufmüpfiger Graffiti von Jonathan Meese kultiviert. Zuschauer der Komischen Oper tragen noch, ideologisch begründet, Pullover, im Foyer der Staatsoper gibt es nach wie vor heikle Entgleisungen, und das ins Abseits gerückte Charlottenburger Publikum der Schaubühne bedeckt sich zuweilen noch mit minimalistischem Schwarz.

Kleine Modelabels haben sich im ehemaligen Scheunenviertel und in Prenzlauer Berg angesiedelt. Sie gehen die Situation mit unerschütterlichem Pioniergeist an und begegnen der vermeintlichen Verdrossenheit mit guten Ideen. Von Aufbruchstimmung ist wieder die Rede, Rückbesinnung ist der Code, der Freiräume schafft. Totgeglaubte Szenen, in denen das gängige Modediktat keinen Eindruck hinterläßt, sind wieder auferstanden und verschaffen sich Aufmerksamkeit mit unübersehbaren Impulsen.
Traditionellen Garderobenzwängen aber, bei anderen Filmfestivals als Selbstverständlichkeit gepflegt, zeigen die Berliner trotz jährlicher Überzeugungsversuche nach wie vor die kalte Schulter; sie geben sich großstädtisch gelassen und glänzen (wenn sie glänzen) lieber mit unkonventionellem, improvisiertem Stil. Darin sind sie unschlagbare Meister.

Die Stadt hat ihre kreative Kraft und Attraktivität im Widerspruch erkannt und kokettiert mit dem Perfektionismus des Unvollendeten. Modemessen wie "Bread & Butter" haben "Durchreise" und "Off-Line" abgelöst, mit kommerziellen Erfolgen. Businessanzüge sieht man am Gendarmenmarkt oder in der Schlüterstraße mittags jetzt häufiger, teilweise sogar gutsitzende. Die Nachfrage nach Abendkleidern steigt, so hört man, sogar nach komplett mit der Hand genähten, also nach Haute Couture. In dem für Berlin spezifischen Nachtleben jedoch wird man sie nicht finden. Da dominieren Fetishwear und, bewußt gewählt, olle Klamotten. Unübersehbarer Dresscode sind jetzt Ganzkörper-Tätowierungen mit japanischen und neuseeländischen Motiven, bei Männern wie bei Frauen. Mit Gucci beeindruckt man allenfalls im Goya, dem neuesten und unverkennbar schönsten Ballsaal der Stadt, doch ob die Berliner im kleinen Schwarzen auch in Stimmung kommen, muß sich erst noch zeigen. Das, was Berlin trotz aller Globalisierungsversuche so einzigartig und für viele Menschen so anziehend macht, erlebt man in guten Nächten in Clubs wie Berghain und Kit Kat, wenn die Stadt sich souverän als schamlose, bizarre Zeitgeist-Ikone offenbart - als Weltstadt, nicht prüde und verlogen, wie manch eine ihrer Konkurrentinnen.

Ric Schachtebeck