Ein Kuss ist ein Kuss

artnet Magazin/9. Mai 2006

„Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen. Wettbewerbsarbeiten“ in der Akademie der Künste, Pariser Platz 4, 10117 Berlin.

Die Ebertstraße in Berlin-Mitte wird zur Denkmal-Meile. Nach dem touristischen Erfolg des Denkmals für die ermordeten Juden Europas (noch in diesem Jahr wird an der Ostseite eine Ladenzeile mit Cafés und Souvenirläden eröffnet) haben Sinti und Roma und jetzt auch die Opfergruppe der Homosexuellen mit einem Wettbewerb für einen eigenen Gedenkort nachgelegt.

Die Stigmatisierung der NS-Ideologie wiederholt sich: das ist das fatale Ergebnis der Entscheidung, das großflächige Holocaust-Denkmal kompromisslos auf die Ehrung jüdischer Opfer zu beschränken. Andere Opfergruppen wurden damit aus dem Gedenkfeld verbannt. Dass sie jetzt Anspruch auf ein eigenes Mahnmal erheben, liegt auf der Hand. Die Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin stellt noch bis zum Wochenende 17 Vorschläge des Wettbewerbs zum Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen vor. Ergänzt wird die Präsentation mit einer zuvor im Bundestag gezeigten Ausstellung zu §§175 und 175a RStGB – Paragraphen, die Ausgrenzung und Verfolgung von Homosexuellen erst möglich machten.

Die Ermordung des SA-Stabschefs Ernst Röhm im Sommer 1934 markiert einen Politikwechsel in Deutschland. Am Beispiel seiner Person wird Homosexualität als Verbrechen gegen den NS -Staat deklariert und Schwule zu Staatsfeinden gemacht. Der §175 RStGB, der bisher nur nachzuweisende homosexuelle Handlungen unter Strafe stellte, wird verschärft und mit dem §175a ergänzt. Jetzt kann schon der bloße Versuch einer homosexuellen Annäherung oder der Verdacht auf einen solchen zu einer Verurteilung von zehn Jahren Zuchthaus führen. Von 1935 bis 1945 sind es 60.000 Verurteilungen, die aufgrund dieser Paragraphen ausgesprochen werden. Für geschätzte 15.000 Schwule bedeutet das KZ, Markierung mit dem Rosa Winkel, Zwangskastration, Missbrauch als medizinisches Versuchsmaterial, Degradierung und Folter auch durch Lagerinsassen, bis hin zur gezielten Ermordung. Nach 1945 erhalten die wenigen Überlebenden lediglich ihre Bestätigung als rechtmäßig Verurteilte: das bedeutet legitimierte Ächtung statt Wiedergutmachung und die Ausgrenzung aus dem öffentlichen Gedenken als NS–Opfer. Eine gesetzliche Rehabilitierung erfolgt erst im Jahr 2002.

Jetzt will die Bundesrepublik Deutschland den schwulen NS-Opfern ein Denkmal setzen. Das Land Berlin hat dafür eine Tiergartenfläche in bester Lage (Ebertstraße/Ecke Lennéstraße) zur Verfügung gestellt, ein Grundstück in direkter Blickachse zum Stelenfeld von Peter Eisenman. Durch unterschiedlich strukturierte Auswahlverfahren sind 17 internationale Künstler für das Projekt gewonnen worden, doch die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema gestaltet sich als schwierig. Befangenheit, Hilflosigkeit, Verharmlosung und riskante Entgleisungen bestimmen das Niveau der eingereichten Arbeiten. Einen wirklich überzeugenden Treffer gibt es nicht.

Erinnern wir uns: Man war auch von den ersten Wettbewerbs-Runden zum Holocaust-Denkmal enttäuscht. Stand man damals ratlos vor einem Karussell, dessen Gondeln um einen Davidsstern rotierten, kann man nun unter den Ergebnissen zum Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen den warmen See mit exotischen Pflanzen von Rudolf Herz bestaunen oder Lukas Duwenhöggers Wachturm, der mit einer sechs Meter hohen, tuckigen Teekanne gekrönt ist. In diesem Kontext wirkt die Plattitüde von Holger Beisitzer schon als gelungener Einfall: Er hat selbstbewusst das Wort „homosexuell“ als drei Meter hohen Schriftzug in den Tiergarten gestellt. Das verblüfft temporär – ungefähr so, wie es die überdimensionierte Aspirin-Tablette macht, die als Imageträger zur WM vor dem Reichstag aufgestellt wurde. Ingo Vetter, Sabrina Cegla und Amit Epstein begnügen sich mit dem Anfangsbuchstaben des Wortes, nicht weniger bescheiden. Sie asphaltieren den Park mit einem großen Monogramm, dessen typografische Linien als Wege angelegt sind und die für Abschnitte durch ein Heckenlabyrinth führen. Sie veranschaulichen das erheiternd mit einem bestickten Tuch als Entwurfsmodell. Ein Event-Garten als Denkmal?

Labyrinthe, die Betrachtenden von der Außenwelt trennende Glasscheiben und in Kreisen angeordnete Sitzgruppen sind ein beliebtes und wiederkehrendes Thema der Ausstellung. In diesem Zusammenhang sind Stefan Sous und Jost Haberland zu nennen, die eine im Boden eingelassene, dreifach gestufte Rotunde effektvoll illuminieren, um den Eindruck zu erwecken, „man befinde sich über einem bodenlosen, lichterfüllten Abgrund“. Sie haben eine kleine Arena entworfen, wie man sie schon in verschiedenen Ausführungen und Verwahrlosungszuständen gesehen hat; diese hat überraschenderweise einen Regenwasser-Abflussgully als Zentrum. Mit der Magie des Prismas, der Reflektion von Glas, dem Trennenden und doch sichtbar Bleibenden, dem Fragilen und auch Gefahrvollen des Materials und – als ob das nicht schon genug wäre – einer Änderung des Grundgesetzes hat sich Christin Lahr beschäftigt. Sie schlägt einen gläsernen Pavillon vor, der nachts in wechselnden LED-Farben leuchtet und als die wahrhaftig gewordene Vergrößerung einer Spieluhr aus dem Asia-Shop brilliert.

Cooler geht Wolfgang Tillmans das Thema an. Er bleibt dem Gestus des Unverfänglichen, Belanglosen treu, mit dem er schon 2002 alle Mitbewerber für das Aids–Memorial in München ausstach. In Zusammenarbeit mit Isa Gensken hat er zwei weiße, vier Meter hohe Stahlplatten mit Kreisausschnitten entworfen, die an einer ihrer Längsseiten verbunden sind und wie ein aufrecht gestelltes Heft aussehen. Die Skulptur könnte trotz ihrer überholten Ästhetik vielleicht noch vor der Kleinstadt-Filiale einer Versicherungsgesellschaft beeindrucken – aber möchte man sie als Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen verwirklicht sehen?

Walter Schütze hat einen bemerkenswerten Versuch unternommen, formale Bezüge zum Holocaust-Denkmal herzustellen. Dem Prinzip der Vervielfältigung antwortet er mit 365 Stühlen („die Zahl zeigt das zyklische Wesen der Homophobie“), die um eine quadratische Bodenplatte platziert sind, die er als „schmerzvoll hinterlassene Lücke“ anbietet. Es ist schon erstaunlich, wie die Künstler ihre eigenen Entwürfe interpretieren. Das Überschreiten einer mit Magnolienknospen aus massivem Muranoglass dekorierten Brücke beschreibt Raimund Kummer als „besonders rhythmisches Erlebnis zur Bewusstmachung von Zeit und Wahrnehmung“. Piotr Nathan, der sein Denkmal dem Outside-Cruising widmet, erklärt die Form eines Urinflecks zum „Sinnbild von Leben und Tod“ und bei Alexej M. Gross soll allein der schräge Boden eines Glashauses Bewegungsschwierigkeiten verursachen, die „als ein Zeichen für das erlittene Schicksal der Opfer stehen“. Das steht den Beschreibungen von Christian Phillip Müller um nichts nach, denn auf seinem orangefarbenen Schiffsbug gibt es partiell verteilt beheizte Sitzflächen – ihr „Wärmeabdruck symbolisiert die Abwesenheit der im KZ ermordeten Homosexuellen“.

In Anbetracht dieser Anhäufung von Beliebigkeit und Banalität, prätentiösem Gequatsche und Schwindel erregender Selbstüberschätzung kann man die Favorisierung der Jury für den eleganten Entwurf von Michael Elmgreen und Ingar Dragset gut nachvollziehen – wenn auch eine erneute Auslobung und Debatte anhand der eingereichten Arbeiten der konsequentere Schritt gewesen wäre. Elmgreen & Dragset schlagen einen Baukörper aus glattem, anthrazit eingefärbtem Sichtbeton vor, der sich in seinen Proportionen auf die Stelen des Holocaust-Denkmals bezieht, jedoch größer dimensioniert ist und auch stärker gekippt und geneigt ist – warum eigentlich? – als seine Vorlagen. Im Inneren des Hohlraums, durch eine Luke einsehbar, läuft die Endlosschleife eines Kurzfilms, der ein sich küssendes Männerpaar zeigt. Der Betrachter wird zum Kontrolleur, der Innenraum zur Zelle, zum Schutzraum und Versteck oder einfach nur zum Kino.

Bei dieser Mega-Stele geht es unmissverständlich um die Liebe unter Männern. Weshalb sie allein und abgesondert von den anderen 2.711 Stelen steht, bleibt ungeklärt. In der formalen Korrespondenz mit dem Stelen-Motiv und der thematischen Verknüpfung mit dem Holocaust, die Elmgreen & Dragset dadurch erreichen, liegt die Schwäche ihres Entwurfs. Eine eigenständige, unabhängige Haltung wäre nötig gewesen; eine, die sich nicht an dem gefälligen Gestus Eisenmans orientiert. Seine Metaphorik für die ermordeten Juden Europas lässt sich nicht auf die Auswirkungen der NS-Homophobie übertragen, denn diese wurden auch nach 1945 fortgesetzt.

Mit der Konstituierung der BRD wurden die Paragraphen 175 und 175a im Grundgesetz schamlos bekräftigt und unverändert übernommen. 45.000 Verurteilungen folgten, Demütigung, Arbeitsverbot und Knast. Erst 1969 wurde die NS-Verschärfung zurückgenommen, erst 1994 wurden die Paragraphen komplett gestrichen und bis heute noch werden Homosexuelle vom Gesetzgeber diskriminierend behandelt. Ein Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen hätte zu diesen bis in die Gegenwart reichenden Auswirkungen deutlicher Stellung beziehen müssen. Ob ein im Loop gefangener Kuss das vermitteln kann, ist fraglich.

Ric Schachtebeck