Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung Berlin, Katalogtext
Chronik meiner Eltern


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Meine Großeltern mütterlicherseits kenne ich nur von einer verblassten Schwarzweißfotografie. Das längst als verschollen geglaubte Dokument, das im Nachlass einer Großtante in den 1960er Jahren wieder auftauchte, zeigt eine ländliche, festlich gekleidete Hochzeitsgesellschaft in einem mit Tannengrün geschmückten Raum. Im Zentrum des Bildes sind meine Eltern zu erkennen. Meine neunzehnjährige Mutter trägt ein weißes, hochgeschlossenes, mit Rüschen besetztes Brautkleid - nach Vorgabe der Nationalsozialisten ohne Schleier - mein neunundzwanzigjähriger Vater ist uniformiert und hält einen kleinen Dolch in seiner Hand. Das Brautpaar wird von dem ebenfalls uniformierten Landrat Zülch und von einer matronenhaften, schwarz gekleideten Frau mit wellig frisierten grauen Haaren und einem neben ihr schmächtig wirkenden Mann mit tiefliegenden Augen eingerahmt: meinen Großeltern!

Das Gruppenfoto wurde am 11. April 1942 in Eichgrund / Debogórzyn im heutigen Polen gemacht. Die Menschen auf dem Bild wirken ausgelassen und heiter. Jemand hat wohl gerade einen Scherz gemacht. Meine Großmutter lacht und zeigt eine Zahnlücke. Drei Jahre später wird sie erschossen, mein Großvater zu Tode gefoltert, mein Vater in einem britischen Lager interniert und meine Mutter auf der Flucht von russischen Soldaten überrannt und missbraucht.

Mein Großvater August Lemke wurde am 2. März 1884 in Lodzia, 35 Kilometer westlich von Bromberg, geboren. Das einst polnische, 1772 von Preußen annektierte Gebiet, in dem der Sohn des Kolonisten Julius Lemke mit seinen elf Geschwistern aufwuchs, gehörte bis zum ersten Weltkrieg zum Deutschen Reich, wurde mit dem Versailler Vertrag 1919 polnisch, mit dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 erneut unter deutsche Verwaltung gestellt und schließlich, nach Ende des zweiten Weltkrieges, wieder zum polnischen Staatsgebiet erklärt. August war ehrgeizig und geschäftsorientiert, so erzählt man. Frühzeitig verließ er die Familie, arbeitete etliche Jahre als Bergarbeiter in Westfalen und kehrte mit einem kleinen Vermögen in seine Heimat zurück. Am 2.Dezember 1906 heiratete er die als „Eigentümer-Tochter“ dokumentierte Hedwig Draheim, mit der er im nahegelegenen Debogórzyn einen kleinen Hof erstand, den die beiden zu einem landwirtschaftlichen Betrieb mit florierendem Viehhandel ausbauten.

Hedwig brachte acht Kinder zur Welt: Erich, der einundzwanzigjährig an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung starb, Lotte, Ella, Erwin, meine Mutter Elisabeth und das sieben Jahre nach ihr geborene Nesthäkchen Elfriede. Einmal war meine Großmutter in drei aufeinander folgenden Jahren viermal hintereinander schwanger. Zwei Kinder, ein zweit-und ein fünftgeborener Sohn, starben kurz nach der Geburt. „Meine Mutter“, so beschreibt es meine Tante Elfriede in ihren Lebenserinnerungen, „hatte ein hartes Leben und am Ende hatten sie die vielen Schwangerschaften und die schwere Feldarbeit ausgezehrt und verbraucht“. Sie war, wie die meisten Bäuerinnen ihrer Generation, für den reibungslosen Ablauf des personenstarken Haushalts zuständig, für die Versorgung des Viehs, das Anleiten der Mägde und Knechte, vor allem zur Erntezeit, wenn die zusätzlich angeheuerten Landarbeiter versorgt werden wollten, und sie musste den Hof selbstständig führen, wenn ihr Mann auf den Viehmärkten unterwegs war.

Der Viehhandel war das Hauptgeschäft meiner Großeltern, und mein Großvater war ein gewiefter und trinkfester Geschäftsmann! Er wird als Respektperson beschrieben, als angesehener Landwirt und geschickter Taktiker. Meine Mutter sah in ihm einen sanftmütigen und großherzigen Vater, meine Tante Elfriede eher einen strengen, aber gerechten Patriarchen, andere Familienmitglieder charakterisierten ihn als unberechenbaren Choleriker, der, wenn´s Streit gab und er angetrunken von einem erfolgreichen Handel zurückkehrte, meine Großmutter auch schon mal mit dem Gewehr bedrohte. Meine Mutter schwärmte von ihrem Vater, was nicht verwunderlich ist; denn sie war sein Lieblingskind und wurde in vielen Dingen bevorzugt behandelt. Obwohl mein Großvater die Ansicht vertrat, dass seine Töchter keine besondere Schulbildung bräuchten, da sie ja eine ordentliche Mitgift bekämen, gestattete er meiner Mutter als einzige unter den Kindern in dem sechs Kilometer entlegenen Exin / Kcynia eine private deutsche Schule zu besuchen und die Wintermonate sogar in einem Pensionat zu logieren. Durch diese Privilegien bestärkt und die aufmunternde Haltung ihrer Lehrerinnen unterstützt, träumte sie davon, dem ländlichen Milieu zu entfliehen und begeisterte sich für die neuen uniformierten Besatzer. Zielstrebig nahm sie an einer Schulung für Bürokräfte für die deutsche Verwaltung teil, überzeugte mit guten Noten und verliebte sich in ihren Lehrer, den stattlichen Kreisrentmeister aus Szubin: meinen Vater.

Mein Vater Hans Schachtebeck, zweitgeborener Sohn des Buchbindermeisters Hermann Schachtebeck und seiner Frau Alwine, stammte aus Hildesheim. Doch schon zwei Jahre nach seiner Geburt zog die Familie 1914 in die Nähe von Halle, nach Löbejün, um ein Schreibwarengeschäft zu eröffnen. Während mein Großvater Hermann eher ein feinfühliger, introvertierter Mensch war und sich gern in seine Buchbinder-Werkstatt zurückzog, übernahm meine Großmutter Alwine streng, realitätsbezogen und energisch die Aufsicht der Finanzen und hielt den Kontakt zu den Kunden. Sie muss eine unglaublich beliebte Person gewesen sein; denn zahlreiche Fotos, Briefe und Feldpostkarten, die wir im Nachlass meiner Eltern fanden, zeugen davon. Mein Vater begann nach Abschluss der Oberrealschule eine Lehre bei der Dresdener Bank, doch der sogenannte „Schwarze Freitag“, der 25.Oktober 1929, der die Weltwirtschaftskrise auslöste, machte den jungen Bankkaufmann arbeitslos. Er hospitierte, verrichtete etliche Hilfsarbeiten, arbeitete in einer Zuckerfabrik und als Freiwilliger beim Deutschnationalen Handlungsgehilfen–Verband und bekam schließlich, im April 1933, eine Stelle als Verwaltungsangestellter angeboten. Es mag die Mischung aus Fleiß, Korrektheit und unwiderstehlichem Charme gewesen sein, die ihn bei seinen Vorgesetzen beliebt machte, doch die Tatsache, dass er bereits vor 1933 schon Mitglied der NSDAP war, wird ihm auch so manche Türen leichter geöffnet haben. Nach einem freiwilligem Jahr beim Wehrdienst und Abschluss der Verwaltungsschule wurde er 1939 nach Grulich, in die Tschechoslowakei beordert und dort zum Kreisrentmeister befördert. In Grulich arbeitete er erfolgreich mit dem Landrat Zülch zusammen, der meinen Vater im Oktober 1939 nach Szubin / Polen mitnahm und mit ihm den Aufbau einer deutschen Kreisverwaltung vorantrieb. Zwei Jahre später, als mein Vater einen Lehrgang der Exiner Gemeinde-Verwaltungsschule leitete, verliebte er sich in meine Mutter. Die beiden heirateten, bezogen eine Dienstwohnung in Szubin (ab 1939-1945 Altburgund genannt) und machten eine Hochzeitsreise über Berlin und Dresden nach Prag, von der es ein schönes Foto gibt, das sie verliebt und glücklich zeigt. Sechs Wochen später zog mein Vater in den Krieg. Er hatte sich freiwillig gemeldet. Zuerst wurde er in Frankreich stationiert, dann, im Winter 1942/43, an die Front nach Russland geschickt. Im Dezember 1943 starb seine Mutter, drei Monate später sein Vater. 1944 wurde er verwundet, als Leutnant vereidigt und kämpfte schließlich in Kroatien weiter. Ein Jahr später war der Krieg zu Ende und mein Vater in englischer Gefangenschaft.

Es gibt einen Brief meiner Mutter, es ist der letzte, als siebzehnter nummerierter Brief, den sie meinem Vater an die Front geschickt hat und der auf wundervolle Weise in der Jackentasche seiner Uniform den Krieg, die Kapitulation und die Gefangenschaft überlebt hat. Auf den ersten Blick scheint sein Inhalt banal: ein herzliches Liebesgeplänkel, Alltagsinformationen und Wetternachrichten. Doch das Datum macht stutzig. Es ist der 5.Januar 1945, also wenige Tage vor dem offiziellen Räumungs-Befehl. Nichts in ihrem Brief deutet auf die nahestehenden Ereignisse hin. Kein Wort, kein Hinweis, keine Zwischentöne verweisen auf die bevorstehende Flucht, die meine zweiundzwanzig-jährige Mutter nur zwei Wochen später am 20.Jannuar 1945 zusammen mit ihrer hochschwangeren Schwester Lotte und deren 4 kleinen Kindern antritt. „Der Aufbruch kam sehr plötzlich,“ so beschreibt sie es in ihrem Fluchtbericht, wie etwas Unerwartetes und Unwirkliches.
Es war ein eiskalter, polnischer Winter, die Straßen waren verschneit, die Frauen in Panik, die Trecks ohne Führung und die viel zu schwer beladenen Pferdewagen verkeilten sich. Oft standen sie für Stunden im Stau und konnten die brennenden Dörfer in der Ferne sehen, durch die sie noch tags zuvor gefahren waren. Am 30.Jannuar wurde ihnen schließlich die Weiterfahrt verwehrt. Sie wurden von russischen Soldaten überrannt, beraubt, gedemütigt, missbraucht und für sechs Monate gefangen gehalten. Die Frauen mussten Schwerstarbeit leisten. Angst einflößende Appelle und Massen-Vergewaltigungen bestimmten das Tagesgeschehen. Im Juli konnten sie sich endlich befreien, wurden aber sogleich von umherstreuenden Banden überfallen, erneut gefangen gehalten und gelangten schließlich völlig erschöpft, verlaust und ausgemergelt über Berlin nach Mecklenburg, wo sie von ihrer zuvor schon geflohenen Schwester Ella empfangen wurden.

Meine Großeltern hatten sich zu spät zur Flucht entschieden. 1918, als die Bevölkerung durch blutige Aufstände und Internierungen erschüttert wurde und eine große Anzahl der deutschen Bewohner das nunmehr polnisch gewordene Land verließ, blieben meine Großeltern in ihrer Heimat und arrangierten sich mit der neuen Situation. Und 1939, als polnische Soldaten ihren Bauernhof einnahmen und verwüsteten, verließen sie zwar ihr Haus, kehrten aber nach kurzer Zeit zurück und entdeckten, dass sich die Lage entspannt hatte. Vielleicht waren es diese Erlebnisse, die sie zögern ließen und ihre Hoffnung schürten, dass sich am Ende doch noch alles zum Guten wenden würde. Und als sie endlich mit drei Pferdewagen und Sack und Pack und ihrer jüngsten Tochter Elfriede zur Flucht aufbrachen, war es zu spät. Sie kamen nicht mehr weit. Sie wurden von russischen Soldaten eingeholt, konnten aber noch rechtzeitig umkehren, um dann, zuhause angekommen, zu erfahren, dass man schon nach meinen Großvater suchte. Und als zwei Männer, zwei ehemalige Landarbeiter, wie sich später rekonstruieren lies, auf dem Hof erschienen und nach meinem Großvater verlangten, verweigerte meine Großmutter jegliche Auskunft. Daraufhin wurde sie blutig geschlagen, brutal und hemmungslos, bis sie völlig entstellt aussah. Die fünfzehnjährige Elfriede, die diese Szene mit ansehen musste, schrie und bettelte ihre Mutter an, sie solle doch den Vater rufen, damit dieser Spuk ein Ende nimmt. Und als der Vater aus seinem Versteck kam, wurde auch er geschlagen, und zwar dermaßen, dass ihm die Zähne aus dem Kiefer gebrochen wurden. Meine Großmutter wurde an die Wand gestellt und erschossen, mein Großvater in ein Straflager verschleppt. Meine Tante Elfriede, die wie ein Wunder zunächst verschont blieb, zwang man eine Grube zu graben und die noch warme Leiche ihrer Mutter zu verscharren. Einige Wochen später, so erzählte sie es mir, hat sie mit Hilfe eines ehemaligen Knechts die schon verwesende Mutter aus der Erde geschaufelt, in eine Kiste gelegt und auf einem naheliegenden, kleinen Friedhof heimlich begraben.

Bereits einen Tag nach der Mordtat besetzte eine polnische Familie den Bauernhof. Meine Tante wurde gefangenen genommen, geschoren und als Magd benutzt. Drei Jahre hielt man sie fest, dann konnte sie sich befreien und floh, wurde jedoch an der Grenze entlarvt, verhört und in einen Keller gesperrt, in dem sie noch in der selben Nacht vergewaltigt wurde. Nach etlichen Tagen der Ungewissheit kam sie vor ein Militärgericht und wurde nach Deutschland abgeschoben. Sie schlug sich bis nach Mecklenburg durch, floh erneut auf Anraten meiner Mutter von Ost nach West und fand schließlich in der Flüchtlingsbaracke meiner Eltern ein erstes Zuhause.

Meine Eltern sahen sich im April 1946 wieder. Meine Mutter hatte die riskante Flucht von der sowjetischen in die britische Besatzungszone gewagt und meinen Vater in Hildesheim ausfindig gemacht. Die beiden begannen ihr gemeinsames neues Leben in einer Flüchtlingsbaracke und später in einem kleinen, spartanisch ausgestatteten Holzhaus im niedersächsischen Bissendorf. 1947 wurde meine Schwester Heidrun geboren, fünf Jahre später kam ich auf die Welt. Mein Vater hatte sein Hobby zum Broterwerb gemacht und hielt uns mit dem Verkauf seiner Zeichnungen über Wasser. Als er nach Kriegsende aus der Gefangenschaft entlassen wurde und arbeitssuchend durch die Ruinenfelder seiner Geburtsstadt Hildesheim gestreift war, hatte er aus lauter Verzweiflung und Traurigkeit angefangen, die Häuser und Plätze zu zeichnen, die es eigentlich nicht mehr gab. Er zeichnete gern und aus Zeitvertreib, aber er hätte es nie für möglich gehalten, damit einmal Geld zu verdienen. Doch als erstaunlicherweise viele Leute ihr Interesse an seinen Zeichnungen zeigten und er einige verkaufen konnte und sogar Aufträge für bestimmte Motive bekam, da hatte er die Idee, daraus ein Geschäft zu machen. Als er später Dias für die Kinowerbung kolorierte und in Schönschrift geschriebene Karten mit Lebensweisheiten und Sprüchen in sein Sortiment aufnahm, wurde sogar der Werbekaufmann Werner Mempel auf ihn aufmerksam. Mempel war ein cleverer Geschäftsmann und Mann der ersten Stunde und seine in Hannover ansässige Agentur war mit dem Slogan: „Keinen Stempel ohne Mempel“ in aller Munde. Die beiden Männer befreundeten sich und wurden Kompagnons. Als wir 1954 von unserem kleinen Holzhaus nach Hannover in eine uns damals unermesslich groß erscheinende Zweizimmerwohnung zogen, war mein Vater längst Mempels Künstlerischer Leiter und Prokurist. 1959 wechselten wir erneut unseren Wohnsitz und gingen nach Norden/Ostfriesland, wo mein Vater eine Stelle als Stadtkassenleiter annahm und damit seine Beamtenlaufbahn fortsetzte. Meine Eltern blieben in dem kleinen Küstenort, bauten ein Haus und wurden sesshaft.

2009 starb mein Vater, acht Jahre zuvor meine Mutter.

Als ich mich von meiner toten Mutter verabschiedete, sah ich in ein Gesicht voller Enttäuschung, Verbitterung und Schmerz. Jedenfalls interpretierte ich es so. Zeitlebens hatte sie das Trauma des Krieges und der Flucht nicht überwunden, wie viele ihrer Generation. Immer wieder hatte sie versucht, das Unaussprechliche zu verdrängen und wegzuschieben, in der Hoffnung, es bliebe dort. Sie war enttäuscht von dem, was der Krieg ihr genommen hatte und oft nicht gewillt, im Gegenwärtigen ihr Glück zu erkennen. Vieles entsprach nicht ihren Vorstellungen, doch welche das waren hatte sie mit der Zeit vergessen. Auf die entscheidenden Fragen antwortete sie mit Schweigen. Auch darin stimmte sie mit vielen ihrer Generation überein. Das sie ein heiteres, lebensbejahendes Wesen vor dem Krieg gewesen sein soll, kann ich mir nur schwer vorstellen. In den Schmalfilmen, die mein Vater in den 1950ern und 1960ern drehte, wirkt sie in ihren nachgeschneiderten Dior-Kleidern und bunten Strandanzügen oft schwermütig und abwesend. Meine Mutter war eine zwiespältige Person. Auch wenn sie ihre Ängste und Mutlosigkeit vor uns Kindern zu verbergen versuchte, gespürt haben wir schon, dass sie verzweifelt war und oft nicht weiter wusste. Als ich ihr eine gemeinsame Reise nach Polen vorschlug, schüttelte sie nur den Kopf; sie hatte eine panische Angst, sich der Vergangenheit zu stellen. Als ich ein Jahr nach ihrem Tod nach Polen fuhr und den Bauernhof meiner Ahnen suchte, durch einen dichten Mischwald ging, über Wiesen und Felder streifte und das alte Wohnhaus entdeckte, da kamen mir die Tränen, und ich dachte, dass es vielleicht auch für sie gut gewesen wäre, noch einmal an den Ort ihrer Kindheit zurückzukehren, um ihrer entwurzelten Seele eine Chance zu geben, sich mit dem Schicksal zu versöhnen.

Ric Schachtebeck , Oktober 2016